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Vergeltung vs. Vergebung – Überlegungen zu Breivig und was Europa auszeichnet

Einen wichtigen Gedanken zu Breivig hat @ennomane getwittert. Als ich ihn las, habe ich mich an einen anderen Tweet erinnert, den ich vor wenigen Tagen las. Leider habe ich ihn nicht mehr gefunden und kann ihn nur aus dem Gedächtnis frei wiedergeben. Doch worum geht es?

 

Die Grundfrage lautet: Was tun mit Breivig, der 77 Menschen kaltblütig ermordet hat?

 

Der verständliche Gedanke der Vergeltung

Wer kennt ihn nicht, den Reflex zu sagen, so einer darf auch nicht mehr leben. Er hat die Todesstrafe verdient. Man muss nicht einmal ein Angehöriger von Todesopfern sein, um sich mit diesem Gedanken anzufreunden. Schlimmer wohl noch, wenn ein geliebter Mensch auf diese Art aus dem Leben gerissen wird. Was fühlt man erst, wenn der eigene Sohn unter den Toten ist? Wer hier mit Hass und Vergeltung reagiert, erntet wohl ehre Zustimmung denn emotionale Verurteilung. Die Mutter, die den Mörder ihrer Tochter vor Gericht erschießt oder die Polizisten, die einem Tatverdächtigen Folter androhen, um ein entführtes Kind zu befreien – wer nickt da nicht mit dem Kopf und hat Verständnis. Wenn ich mich versuche in eine solche Situation zu versetzen, was realistisch nie möglich ist, dann nicke auch ich mit dem Kopf und denke, das ist gerecht. Der besagte Tweet wendet sich dagegen. @ennomane sagt:

 

 

 

Religiöse Ursprünge

Die Kultur unseres europäischen Rechtsstaates sagt heute, dass die Vergeltung Auge um Auge und Zahn um Zahn nicht mehr unseren moralischen Ansprüchen entspricht. Diese ursprüngliche Rechtsauffassung geht nach Wikipedia auf die Tora zurück und drückt die Vergeltung für selbst erlittenes Leid an dem Täter aus (auch wenn es verschiedene Deutungen und Auslegungen gibt). Im gleichen Artikel wird auf Jesus Bezug genommen, der diesen Rechtsgedanken aufgreift und in seiner Bergpredigt sagt:

Ihr habt gehört, dass gesagt worden ist: Auge für Auge und Zahn für Zahn.
Ich aber sage euch: Leistet dem, der euch etwas Böses antut, keinen Widerstand,
sondern wenn dich einer auf die rechte Wange schlägt, dann halt ihm auch die andere hin.

 

Das Prinzip der Menschlichkeit

Dem zweiten Grundsatz entspricht eher der zweite von mir eingangs erwähnte Tweet, der sinngemäß etwa so lautete: „Möge Breivig 100 Jahre alt werden, damit er sieht wie freier, demokratischer und multikultureller unsere Gesellschaft in den kommenden Jahren wird.“ Das deckt sich in der Reaktion mit den großartigen Worten des norwegischen Ministerpräsidenten, die er kurz nach der Tat und seitdem immer wieder verkündet hat. Er sagt, dass die Reaktion, die Norwegen auf dieses schlimme Verbrechen gibt, nicht weniger , sondern mehr Freiheit sein muss. Er spricht sich vehement gegen die Todesstrafe aus (die es in Norwegen ohnehin nicht gibt) und sagt, wir müssen mit Menschlichkeit und den werten der Demokratie reagieren und nicht mit demselben Hass, den Breivig an den Tag legte.

 

Welchen Weg sollen wir an der Gabelung gehen

Das ist ein fast unauflösliches Dilemma. Das Bauchgefühl seine Strafe muss ebenso schlimm sein wie seine Tat, der Drang nach Vergeltung für das angerichtete Leid. Das ist die eine Seite der Medaille. Auf der anderen stehen der Errungenschaften der europäischen Aufklärung und des blutigen Weges hin zu Menschenrechten, Demokratie und Rechtsstaatlichkeit. Bei allem emotionalen Schmerz, muss man wohl für den zweiten weg plädieren. Wo würden wir hinkommen, wenn wir die Verbrecher der Gesellschaft hinrichten? Wo ziehen wir die Grenzen, ist eine solche quantitativ oder qualitativ überhaupt zu definieren? Wie können wir mit menschlichen Fehlurteilen umgehen, da eine Zurückdrehen der Uhr nach einem erfolgten Todesurteil eben nicht möglich ist?

 

Das die europäischen Staaten diesen zweiten Weg gehen, mit all dem Schmerz der damit verbunden ist, ist eine kulturelle Hochleistung, die nicht hoch genug eingeschätzt werden kann. Das trennt uns vom finsteren Mittelalter und macht unsere Gesellschaften erst zu zivilisierten Gemeinschaften.

 

Hochachtung vor der Gabe der Vergebung

Das alles ist vernünftig, aufgeklärt und menschlich. Nichtsdestotrotz ist es kein wirksames Gegenmittel gegen den Verlust, die Wut und die Lust nach Rache. Der zweite Tweet und die Gedanken des norwegischen Ministerpräsidenten drücken daher eine fast unmenschliche Gabe auf: Vergebung. Den Willen und die Kraft zu haben, sich menschlich zu Verhalten, fürsorglich zu sein, Achtung zu haben und sich zu kümmern, ist für viele schon eine Herausforderung, so krass es klingt. Das alles aber auch jemanden gegenüber durchzusetzen, der all diese Werte und Normen mit Füßen tritt und bespuckt, ist eine bewundernswerte Leistung. Das Bild des Papstes im Gefängnis bei seinem vermeintlichen Attentäter, ist so ein Stellvertreterbild. Das Menschen zur Vergebung fähig sind und das dies in unserem heutigen Europa weites gehend Konsens und verinnerlicht ist, ist fantastisch. Diejenigen, die diesen Akt von Herzen leben können sind wahre Vorbilder und Botschafter der Menschlichkeit. Ich könnte das erstere Gefühl nicht komplett verdrängen.

Published inEuropean Culture

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