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Altmaier “vertwittert” oder die dämliche Doppelmoral der Netzcommunity

In den letzten Tagen wurde mir immer wieder der Originalartikel der WELT in die Timeline gespült, in der sich Leute darüber lustig gemacht haben, dass sich Peter Altmaier (@peteraltmaier), parlamentarischer Geschäftsführer der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, “vertwittert” haben soll. Der entscheidene Tweet lautete:

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Egal, ob Altmaier hier bewusst gehandelt oder sich tatsächlich keine Gedanken über seinen Tweet gemacht hat, die Reaktionen der Medien und im Netz waren dämlich und zeigen eine fast abstoßende Doppelmoral.

Kern des Spottes ist dabei, dass die CDU-Führung inklusive der Bundeskanzlerin Merkel eine Durchhaltestrategie in Richtung Bundespräsidenten ausgegeben hatten (das ist beklagenswert und verdient den Spott des Volkes) und diese Strategie gleichzeitg mit einem CDU-internen Maulkorb versehen hat (auch das ist nicht sehr vorbildhaft für eine transparente demokratische Diskussion). Mit seinem Tweet hatte Altmaier die Strategie und das Schweigegelübde ad absurdum geführt – mit einem Tweet. Dabei ist unterstellt worden, dass dies eigentlich nicht beabsichtigt war, Altmaier also auf Twitter gestolpert wäre, sicher “vertwittert” hat.

Im Grunde hätte Altmaier Zuspruch und Ermutigung erfahren müssen. Ein Politiker aus der ersten Reihe, aus dem Dunstkreis der Kanzlerin und ein entscheidender Mit-Architekt der schwarz-gelben Regierung, äußert sich kritisch gegenüber dem Bundespräsidenten, auch wenn alle anderen noch schweigen. Vielleicht ist das eher politischer Mut gewesen und die Art und Weise von Transparenz, die sonst immer eingefordert wird. Vielleicht war da ein Mann, der seine Meinung einfach vertritt und das öffentlich, egal was die Parteiräson gerade tagesaktuell abverlangt.

Die hämische Reaktion kann nur damit erklärt werden, dass denjenigen, die sich so geäußert haben, klar gewesen sein muss, dass der Tweet nicht ins System passte. Anstatt Altmaier nun in seiner ungewöhnlichen Vorgehensweise zu unterstützen, um damit vielleicht ein Zeichen für die zukünftige politische Debattenkultur abseits von Geheimniskrämmerei, Um-den-heißen-Brei-Gerede und Hinterhofdiplomatie zu setzen, wird die große Spottkeule herausgeholt. Alle diejenigen, die sich hier lustig gemacht haben, haben sich letzendlich in genau das System einverleibt, dass sonst immer kritisiert wird. Wenn schon Menschen in der Politik nicht einmal durch diejenigen Unterstützung erfahren, die das System verändern und bessern wollen, dann muss man sich nicht wundern, dass viele Politiker/innen das aktuelle Kommunikationsspiel zwischen Medien, Politik und Bevölkerung mitspielen. Ohne diesen Tweet hätte sich Altmaier viel Hohn und Spott erspart. Wäre dies aber gleichzeitig gut gewesen für eine offene und kritische Debatte über die Verfehlungen des Herrn Wullf – ich glaube nicht.

Medien und Netzcommunity sollten sich auch immer selbst prüfen. Man kann nicht immer durch Land und Internet spazieren und die Moral wie eine Monstranz vor sich herschieben und Transparenz und Offenheit der politischen Klasse fordern, um im gleichen Atemzug dieses Verhalten lächerlich zu machen. Dabei hilft nicht, dass es vielleicht wirklich unbeabsichtigt von Altmaier gewesen ist. Das kann nur er beantworten. Aber selbst dann, hätte es Unterstützung statt Häme hageln müssen, um das entscheidende Zeichen zu setzen.

Kommentatoren haben der offenen Diskussion und einer transparenteren Politik hier einen Bärendienst erwiesen, auch wenn es sicherlich nur eine Nuance in der Debatte ist. Wenn wir allerdings hier nicht anfangen, wo dann.

Published inGerman PoliticsInternet & Social Media

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