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SPD-Kanzlerkandidatur – strategische Chance verpasst!

Die Gesellschaft wandelt sich, Politik wandelt sich, aber Verhaltensmuster in Parteien anscheinend nicht.

Um es gleich vorwegzunehmen, es war gut, dass Peer Steinbrück auf den roten Kanzler-Kandidatenbusch gehauen hat, obwohl es erst 2013 ernst werden soll. Nicht erstaunlich und geradezu langweilig waren die innerparteilichen Reaktionen auf das halbseichte Outing, er, Peer, könnte sich unter Umständen vorstellen, die Kanzlerschaft für die SPD zurückzuerobern. Viel schlimmer wiegt, dass hier eine strategische Chance verpasst wurde.

Führende Köpfe der deutschen Sozialdemokratie haben sofort in den Relativierungsmodus umgeschaltet. Hierfür gibt es sicherlich mehrere Gründe. Nachvollziehbar ist die Reaktion, wenn man selbst Ambitionen auf den Posten hat. Dann muss eine Warteschleife erzeugt werden, damit keine Fakten geschaffen werden. Ganz nach dem Motto „Nicht im falschen Moment die Schnauze halten“. Sollte dies ein Beweggrund gewesen sein, dann ist der individuell gerechtfertigt, aber im Hinblick auf die Gesamtpartei nicht förderlich.

Vielleicht haben sich eben erwähnte Köpfe gedacht, dass eine zu frühe Positionierung eher hinderlich, denn gewinnbringend ist. Das könnte man taktisches Kalkül nennen (wobei die Damen und Herren im Konrad-Adenauer-Haus auch keine Deppen sind) oder die Verweigerung, politisches Spitzenpersonal einer aktiven Debatte in unser Demokratie vorzuenthalten. Die rote Generalsekretärin hat doch die USA zwecks Nachhilfeunterrichts in Wahlkampffragen besucht. Dort werden nicht nur die Social Media äußert intensiv und effizient genutzt. Nein, auch die Kandidatinnen und Kandidaten stellen sich über Monate, wenn nicht Jahre, dem öffentlichen Diskurs. Wo ich gerade bei Frau Nahles bin, hier kann man auch einen pawlowschen Reflex vermuten, weil da ein den konservativeren Kreisen angehörender Sozialdemokrat einen Anspruch auf einen Spitzenposten formuliert hat. Es wäre nicht verwunderlich, wenn hier flügelpolitische Überlegungen eine Rolle gespielt haben. Das mag man verstehen, wenn man das innerparteiliche Spiel des Gegeneinanders über Jahre und Jahrzehnte so gelernt hat und nun selbst praktiziert. Für die zukünftige Rolle der deutschen Sozialdemokratie ist das dennoch nicht förderlich. Schlimmer noch: Sie sagte: „Selbstausrufungen sind in einer modernen Partei wie der SPD aus der Mode gekommen (FAZ 16.Mai 2011).“ Was hat die Bereitschaft, sich für das Amt des Bundeskanzlers ins Gespräch zu bringen, mit einer „Selbstausrufung“ zu tun. Das sind die unmodernen Reaktionsmuster, die keiner mehr hören möchte.

Wer den Anspruch hat, modern zu sein, der muss auch so handeln und neue Wege gehen. Die Bundesregierung liegt seit Monaten filetierbereit auf dem Schlachtbrett. Der sozialdemokratische Feldherrenhügel ist allerdings unbesetzt und die roten Truppen nicht sichtbar, egal in welche Richtung man das Fernrohr schwenkt. In dieser Situation wäre eine konzertierte Aktion genau richtig und die Abteilung Attacke könnte genügend Anlauf nehmen, um auf der Zielgerade mit mächtig viel Schwung einen Endspurt hinzulegen.

Statt der angesprochenen Reaktionen hätte ich lieber ein Szenario gehabt, dass Peer Steinbrück gemeinsam mit Gabriel, Nahles, Steinmeier und den sozialdemokratischen Ministerpräsidenten im WBH zeigt, einig das schwarz-gelbe Wischiwaschi unter einer zum einschlafenden Kanzlerin Merkel vom Spielfeld zu jagen (ein Fußballvergleich muss erlaubt sein). Die Aufteilung vor der Wahl ’98 mit dem Duo Schröder/Lafontaine (respektive konservative/linke Strömungen in der SPD), war nicht so unerfolgreich, auch wenn andere Faktoren ebenso wichtig waren.

Steinbrück ist derjenige, der es am ehesten schaffen kann, das wissen hinter den Kulissen alle, auch wenn es weitere Aspiraten gibt. Es spricht nichts gegen eine sehr offene, langfristige und gemeinsam koordinierte sozialdemokratische Mannschaft. Vielmehr würde das tatsächlich einmal neuen Wind in das politische Spektrum bringen. Ich wünsche den Grünen dabei viel Spaß mit ihrer Kandidatendiskussion, die sich bis 2013 hinziehen wird, solange die Umfragen und Landeswahlergebnisse so sind, wie sie sich derzeit darstellen. Sie werden das gleiche Bild abgeben, wie die SPD gerade gestern.

Für diesen Ansatz müssten viele Befindlichkeiten überwunden werden und die entscheidenden Personen müssten sich tatsächlich dem Erfolg der Partei verschreiben. Diese typischen Reaktionen haben wieder einmal viel mehr geschadet als dass sie genutzt haben. Können bitte auch die Parteistrategen anfangen, die SPD modern und anders zu präsentieren und zu verordnen. Der Überraschungseffekt hätte jetzt die Chance zu einer ganz anderen Herangehensweise ermöglicht. „Im Übrigen“, wie Altkanzler Schröder zu sagen pflegte, sei daran erinnert, dass die SPD zwar zweistellig ist, aber mit einer zwei am Anfang! Alleine das sollte alte Verhaltensmuster in Frage stellen. Glück auf!

Published inSocial Democracy

Ein Kommentar

  1. […] Merkel empfängt Präsident Medwedew Emotionen: 61* | 5* In Blogs gefunden: SPDKanzlerkandidatur strategische Chance verpasst Statt der angesprochenen Reaktionen hätte ich lieber ein Szenario gehabt dass Peer […]

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