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#fickdichberlin: Butter bei die Fische oder penetriert Euch selbst

Eine Demokratie zeichnet sich dadurch aus, dass in der Regel eine Mehrheit über eine Minderheit bestimmt. Diktaturen sind da noch rigoroser und alles was sich einer 100%-Konsensgesellschaft annähert, ist momentan noch im  Bereich der Utopie angesiedelt.

Daher zeichnet sich die Demokratie durch den Streit um den besseren gesellschaftlichen Weg bzw. die besseren politischen Konzepte aus. Das dabei Unzufriedenheit bei der Minderheit entsteht ist nachzuvollziehen, ist aber systemimmanent. Eine der großen Errungenschaften unserer Demokratie in Deutschland und auch in Europa ist, dass wir tatsächlich argumentativ und schließlich plebiszitär in Form von Wahlen zu den jeweiligen Parlamenten über diesen besseren Weg und diese besseren Konzepte streiten. Es ist nicht allzu lange her, dass versucht wurde, gesellschaftliche Konflikte mit Gewalt und Waffen zu lösen. Dieses hohe Gut, sollten wir so lange es uns möglich ist verteidigen und fortführen.

In den heutigen politischen Auseinandersetzungen müssen wir glücklicherweise nicht mehr sehr oft an das eben Geschriebene erinnern. Wir haben eine wehrhafte Demokratie, die viel aushält und sehr gefestigt erscheint. Das ist zumindest bis heute das Urteil über die letzten 65 Jahre der Demokratie in Deutschland. Das heißt nicht, dass alles Gold ist, was glänzt in unserem Land.

Nun kann man allen Protagonisten rund um #fickdichberlin nicht vorwerfen, dass sie zu Gewalt greifen, um ihrer Enttäuschung ob der politischen Verhältnisse in diesem Land Ausdruck zu verleihen. Das war es dann aber auch schon, mehr positives lässt sich wahrlich nicht finden und sagen.

Um dieses Missverständnis gar nicht erst entstehen zu lassen, wir haben selbstverständliche viele Baustellen in unserem Land, die objektiv betrachtet keiner gutheißen kann. Natürlich ist es beschämend, dass ein so reiches Land noch Kinderarmut aufweisen muss, schlimm, dass wir überhaupt eine Hartz-Gesetzgebung brauchen, um schwächeren Mitmenschen helfen zu müssen. Ideal wäre es, es würde sie nicht geben, weil sie auch gut situiert sind. So ließen sich viele Politik- und Lebensbereiche ausmachen, die beklagenswert sind und die es gilt abzuschaffen. Das ist Aufgabe der Politik. Und: es ist nicht nur Aufgabe der Politik, sondern auch der Wirtschaft und auch der Zivilgesellschaft. Das wird immer, aber auch immer übersehen und ignoriert. Warum gibt es eigentlich kein #fickdichwirtschaft. Das ist der Ort, an dem die Arbeitsplätze geschaffen werden, die Menschen in Hartz 4 so dringend bräuchten. Keine Revolte gegen die großen Dax-Konzerne, keine Entrüstung über den deutschen Mittelstand, der für einen Großteil der Arbeitsplätze verantwortlich ist. Es kommen zwei Erklärungen in Frage: Unkenntnis oder Populismus. Alle diejenigen, die sich teilweise zu Recht via #fickdichberlin echauffieren, könnten tatsächlich die entscheidenden Zusammenhänge nicht kennen und aus einer Unwissenheit heraus kritisieren. Wer es glaubt, wird selig. Der zweite Grund ist viel nahe liegender und auch attraktiver.

Was könnten also Beweggründe sein, sich derart zu äußern und wie sollte eine Gesellschaft, wie sollte die Politik damit umgehen. Es wäre falsch, alle involvierten Personen als modernen pöbelnden Mob abzuwatschen und zur Tagesordnung überzugehen. Das Gefühl und die Kritik, die sich hinter dieser Protestwelle verstecken, könnten  real sein und könnten an Geschwindigkeit gewinnen. Entscheidend wäre es, diesen Protest vernünftig zu kanalisieren und zu konkretisieren. das kann nur durch diejenigen geschehen, die derzeit ihren Protest fäkal verpackt durch das Netz jagen.

  1. Natürlich ist ein Großteil spaßbasiert. Es ist cool und geil, einfach mal gegen die Politik zu schießen. Selbst hierbei wird nicht differenziert, sondern ganz Berlin sprich der gesamte politische Apparat in Haftung genommen. Alleine diese Eindimensionalität muss nachdenklich stimmen, dass es hier ernsthafte Beweggründe gibt.
  2. Glaubhaft ist, dass viele Kommentare auf Missstände in unserem Land hinweisen. Und was nun? Es ist ein wenig oberlehrerhaft sich hinzustellen und mit dem Finger auf ein Problem zu zeigen und #fickdichberlin ranzukleben. Wer konstruktiv an einer Problemlösung im eignen Sinne interessiert ist, der argumentiert, bieten Kompromisse, kämpft und wiegt ab und noch vieles mehr. Aber: man beschränkt sich nicht auf eine reine Situationsbeschreibung. Es ist immer leicht einen unmöglichen Zustand ins Lampenlicht zu rücken und dies zu beklagen, ohne einen anderen Weg oder eine bessere Alternative zumindest als Diskussionsgrundlage anzubieten. Hier müssten die Betroffenen wirklich Butter bei die Fische geben. Was soll ich sonst damit anfangen? Ganz abgesehen von dem Effekt, dass man durch eine solche Vorgehensweise nicht gerade an Glaubwürdigkeit gewinnt und die Ernsthaftigkeit zu der Problemlage zugesprochen bekommt.
  3. Denkbar ist auch der destruktive Ansatz, ohne den Spaß in den Vordergrund zu stellen. Diejenigen, die die Ernsthaftigkeit der Probleme erkennen und die Probleme aus eigner Betroffenheit auch richtig beschreiben, aber trotzdem kein Interesse an einer aktiven Hilfe haben, weil für sie Politik ohnehin ein korrupter Moloch ist und unsere Demokratie kranker Abfall. Unsere Demokratie kann nicht alle zufrieden stellen und es wird wie eingangs beschrieben auch immer eine regierte Minderheit geben, die nicht einverstanden ist. Bei letzter Gruppe ist aber auch das nicht der Fall, weil sie ohnehin alles, aber auch wirklich alles schwarz darstellen würden, auch wenn es vielleicht einmal als weiß beschrieben wurde.

Ganz egal, welcher Gruppe jemand zuzuordnen ist, der sich via #fickdichberlin in Richtung Politik auskotzt, die Art und Weise ist falsch. Wer es aus ernsthaftem Engagement heraus betreibt, sollte andere Kanäle in der Demokratie suchen oder zumindest die “Kampagne ” dazu nutzen, sie in diese demokratischen Kanäle zu leiten. Alles andere ist nicht glaubwürdig und unehrlich.

Vielleicht kann man auch einen Schritt weiter gehen. Ist es nicht pervers, wenn sich Menschen, die erkennbar kein Interesse an einer Verbesserung der Gesellschaft haben, die sich nicht aktiv für die Lösung der Probleme einsetzen, wenn sich diese Menschen z. B. die Hartz 4-Geplagten leihen, um ihre Unvereinbarkeit mit diesem Land zu dokumentieren? Wem hilft #fickdichberlin denn wirklich, denjenigen die sich ergießen oder den in den Problemfeldern befindlichen?

Jetzt gibt es auch die eigene Website, die den “Trend” von Twitter auf die statische Seite holt und eine entsprechende FB Gruppe und natürlich am Besten, relativ prominent gesetzt, die Merchandising-Abteilung, damit dort auch gleich Geld gemacht wird (und so günstig, 20 € für ein weißes T-Shirt, ein Schnäppchen) – Moment, wird auf #fickdichberlin nicht auch ständig der Kapitalismus (der in Deutschland nicht vorherrscht) angeprangert: WILLKOMMEN IM SYSTEM oder anders #fickdichfickdichberlin

Ich bleibe dabei: Etwas mehr konkret und konstruktiv, dann bin ich der Letzte, der sich gegen Kritik am System und an der politischen Elite stößt. Außerdem glaube ich selbst, dass wir noch viel in diesem Land erreichen müssen, damit es die Demokratie ist, die ich gerne hätte. Und ich glaube auch, dass sich bestimmte Zirkel in der Berliner Republik eingerichtet haben und man einen großen Schwung Transparenz in das System hauchen müsste. Wir brauchen Streit und Kontroverse, Auseinandersetzungen und Gegensätzlichkeit, aber diese „Bewegung“ geht meines Erachtens deutlich am ziel vorbei – das sie wohlmöglich gar nicht anvisiert hat.
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Published inGerman Politics

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