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Wir müssen uns um das „Pack“ kümmern

Die nach Deutschland kommenden Flüchtlinge halten das Land in Atem und sorgen für eine intensive politische Auseinandersetzung:

  • Da gibt es die „Willkommens-Kultur“, die cool ist und auf die wir in Deutschland stolz sein können (zum Glück die übergroße Mehrheit in unserem Land)
  • Da gibt es politisch diskutierte Lösungsstrategien, die „nur“ auf Symptombehandlung abzielen, eine europäische Antwort fordern oder (eher selten) die Ursachen angehen
  • Und es gibt das so genannte „Pack“, der „pöbelnde Mop“, und die militanten, gewalttätigen Extremisten, die vor nichts Halt machen

Diese Gemengelage bietet gesellschaftlichen Sprengstoff und die Diskussionen scheinen sich weiter zu emotionalisieren. Es muss nicht weiter diskutiert werden, dass #Heidenau und alles was synonym dafür steht, scharf zu verurteilen und mit den Mittel des Rechtsstaates zu verfolgen ist. Fremdenhass, Extremismus und Gewalt dürfen keinen Platz in unserem Land haben.

Ich verstehe die Aufregung und Empörung über brennende zukünftige Unterkünfte für Menschen, die nach Deutschland geflüchtet sind, ich kann das Kopfschütteln über die „Demonstrationen“ des „Packs“ nachvollziehen und frage mich ständig selbst, was Menschen dazu treibt, derart unmenschlich zu argumentieren oder zu handeln.

Dennoch: Wir müssen uns um das „Pack“ kümmern

Wir reagieren wir als Demokratie auf dieses Phänomen? Indem wir den Stempel „Pack“ draufknallen und diese Menschen damit in die Verliererecke schieben, in der sie wahrscheinlich ohnehin schon gefangen sind? Indem wir wie Joko und Klaas unsere volle Wut raushauen und gleichzeitig erklären, dass wir uns um diese Menschen nicht kümmern (wollen).

Es ist gut, dass sich Prominente engagieren, um als Vorbild deutlich zu machen, dass wir uns für andere Menschen, die vor Tod und Elend flüchten, einsetzen müssen. Es ist gut, dass unsere Politiker/innen genau für diese Menschen eintreten und deutlich machen, dass Fremdenfeindlichkeit und Rassismus keinen Platz in unserer Demokratie haben.

Auch wenn in diesen Tagen alle gegen das „Pack“ argumentieren und den Rassismus und die Fremdenfeindlichkeit verurteilen, müssen wir auch die hier verurteilten Menschen in unsere Bemühungen einbeziehen, so schräg das klingt. Es ist vielleicht nicht populär für das „Pack“ auszusprechen, auch schwer, wenn man sich Taten und Argumente anschaut. Mittel – und langfristig hilf uns eine Stigmatisierung aber nicht weiter. Der emotionale Moment nach #Heidenau und den vielen weiteren Vorfällen darf natürlich nicht unberücksichtigt bleiben. Oft bleibt einem nur Wut, wenn man die ersten Nachrichtenbilder sieht oder die ersten Zeilen liest. Dennoch: all diese Menschen, gleich ob Sie etwas anzünden oder dumpfe Parolen brüllen, haben eine Geschichte dahinter. Unsere Demokratie muss auch diese Geschichte berücksichtigen und jenen helfen, denen wir nun zuschreiben fremdenfeindlich, undemokratisch und einfach nur dumm zu sein. Auch hier gilt, nicht die Symptome, sondern die Ursachen heilen. Das ist ein Prozess, der nicht von heute auf morgen zu erreichen ist. Eigentlich versteh ich es aber nicht, warum (fast) keine aufsteht und sich darüber empört, dass es möglich ist, dass Menschen in unserer Demokratie derart Handeln und Denken und wir nicht aktiv dagegen vorgehen.

Eine vermeintlich einfache Antwort….

… die „Bildung“ lautet. Die Gründe, die hinter dem „Pack“ stehen, dürften vielschichtig, komplex und zuweilen auch tragisch sein. Sicher gibt es ideologische Tiefflieger, die durch nichts auf dieser Welt zu bewegen sind – das sind Einzelfälle, davon bin ich überzeugt. Der Großteil der Krakeler, Pöbler & Co. haben individuelle Biographien, die sie zu dem treiben, was sie da tun. Arbeitslosigkeit, fehlender Kontakt mit Menschen aus anderen Kulturen, Statusinkonsistenz, Gruppenzwang, jugendlicher Leichtsinn, Langeweile, Neid, Frustration, etc. Die Liste dürfte lang und traurig sein.

Natürlich reicht hier kein Bildungsprogramm und dann ist alles gut. Hier muss richtig Geld in die Hand genommen werden, hier müssen Strukturen der formalen und der non-formalen Bildung ausgebaut, hier müssen ökonomische Missstände beseitigt werden, die Menschen brauchen Wertschätzung, Anerkennung, eine Beschäftigung, Erfolge im Leben, eine Perspektive. Das ist eine Mammutaufgabe. Ich bin der festen Überzeugung, dass diese Menschen keine verloren, ur-rassistischen Seelen sind, die nur über Gewalt kommunizieren können. Wie viele freie Bildungsstätten haben seit der Wende 1989 die Tore geschlossen, was bauen die Kirchen und die großen politischen Stiftungen an (Bildungs-)Kapazitäten ab, wie international ist unsere Schulausbildung, wie viele Stunden beschäftigen sich deutsche Schüler/innen mit Politik und Gesellschaft? Wir müssen davon wegkommen, am Sonntag über die partizipative Demokratie und die engagierte Zivilgesellschaft zu sprechen, wenn wir am Montag wieder „business as usual“ machen. Deutschland braucht mehr politische, demokratische und innovative Bildung zusätzlich zu einer ökonomischen Verbesserung der Betroffenen.

Dennoch: Wenn sich der mediale Pulverdampf verzogen hat und das Flüchtlingsthema nicht mehr Nr. 1 sein wird (was vielleicht schneller gehen kann als einem lieb ist, weil der Fokus dann verloren geht die Missstände aber bleiben), dann lösen sich die Gesichter aus #Heidenau nicht in Luft auf. Sie gehen zurück in die Wohnzimmer und das Problem wird weiter unter einer riesengroßen Decke brodeln. Pegida war eine Eruption, die Europawahlen 2014 waren mehrere Eruptionen, haben sie in ganz Europa das ganz individuelle, nationale #Heidenau nach oben gespült, die Flüchtlingsdebatte in Europa ist ein weiterer Ausbruch. Unser Grundgesetz, unsere internationalen Verpflichtungen, unser christliches Grundverständnis, alles verpflichtet uns dazu, allen Menschen ein glückliches und sicheres Leben zu bescheren oder ihnen zumindest die Möglichkeit zu eröffnen, in gesicherten Strukturen ihren eigenen Weg gehen zu können. Wenn wir in 20, 30 Jahren immer noch in einer gefestigten Demokratie leben wollen, dann müssen wir uns um das gesamte Fundament kümmern, also auch um das „Pack“.

Published inDemocracy & Human RightsEuropean Education

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