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Von Kompetenzen, Bürokratie und politischer Bildung

In der Bildung geht es um eins: um die Menschen. Ganz gleich, ob im formalen Schulsystem oder in der non-formalen, außerschulischen Bildung, im Zentrum stehen die Menschen, die in den Bildungsprojekten und Lernprozessen wachsen und reifen sollen. Man kann viel klagen in der politischen Bildung in Deutschland (zu recht und zu unrecht), aber es gibt Aspekte, da fragt man sich, was beteiligte Protagonisten bei einem bestimmten Verhalten geritten hat.

Kompetenzermittlung in der politischen Bildung

Seit einiger Zeit wird in der politischen Bildung die Kompetenzbewertung derjenigen diskutiert, die in den Seminaren, Trainings, Begegnungen und Bildungsprojekten die Stelle einnehmen, die in der Schule der Lehrer einnimmt. Im ersten Augenblick scheint das ein sehr legitimer und geradezu notwendiger Aspekt zu sein. Wir alle möchten für unsere Kinder qualifizierte und motivierte Lehrerinnen und Lehrer. Dies muss dann auch gleichermaßen in der außerschulischen Bildung gelten. Auf der einen Seite sollen die eingesetzten Ressourcen (öffentliche Fördergelder) effektiv eingesetzt werden, auf der anderen Seite soll ein echter Mehrwert für die Teilnehmenden der Bildungsveranstaltungen erzielt werden. Mir ist nicht klar, inwiefern eine solche Bewertung laufen kann, wie fundierte Ergebnisse erzielt werden können und wie man tatsächlich erreichen kann, dass die guten ins Töpfchen (ins Seminar) und die schlechten ins Kröpfchen (in ein anderes Berufsfeld) gelangen. Das funktioniert trotz breit angelegter Methodenbildung schon im formalen Schulsystem nicht. Aber das ist letztendlich nicht mein Problem. Wenn es gelingt, ein vernünftiges Evaluationswerkzeug zu konzipieren, das im Ergebnis dazu führt, dass in der politischen Bildung ausschließlich gut qualifizierte Mitarbeiter/innen in den Bildungsprojekten tätig sind – go ahead!

 Der Teufel im System – die Bürokratie

Bürokratie nur um der Bürokratie Willen zu verteufeln ist falsch. Wenn wir keine hätten, würden sich alle umgucken und die guten bürokratischen Zeiten wieder herbeisehen. Bürokratie ist nämlich nicht gleichbedeutend mit Verlangsamung, Verkomplizierung und Mehrkosten. Bürokratie leistet zuerst einmal Verlässlichkeit, Klarheit und Gerechtigkeit. Alle Beteiligte haben den gleichen Zugang z. B. zu einem Förderprogramm, können sich auf definierte Regeln stützen, die sie anwenden und haben Kriterien an denen sie sich orientieren können. Es gibt keine Willkür, sondern kodifizierte Regeln.

Wenn wir jetzt auf die in den politischen Bildungsprojekte tätigten Menschen zurückkommen und deren Qualifikation hinterfragen, dann frage ich mich, wieso das keiner in Richtung derjenigen einfordert, die bildungspolitische Förderprogramme in den Ministerien und nachgeordneten Behörden verwalten und realisieren.

Das ist keine Verallgemeinerung, die behauptet, alle Mitarbeiter/innen in den erwähnten Positionen sind für diese Aufgabe nicht qualifiziert. Dennoch muss man sich fragen, warum Verwaltungsfachangestellte, die nie in einem Seminarraum gestanden haben, ihnen vorgelegte Bildungsprojekte durch eine völlig falsche Perspektive betrachten und auch so bewerten. Das ist im Zweifelsfall nicht einmal deren Schuld. Wer eine Verwaltungslaufbahn gestartet hat, muss keine Experte für die Essenz politischer Bildungsveranstaltungen sein. Das wäre vermessen. Dennoch müssen sich die Träger der politischen Bildung in Teilen von genau diesen Personen die eigenen Projekte bewerten lassen. Dann kommen Fragen auf, die kein Mensch, der je mit einer Seminargruppe gearbeitet hat stellen würde, da werden Auflagen gemacht, weil sie verwaltungstechnisch (vielleicht) Sinn machen, aber mit der Realität politischer Bildung gar nichts zu tun haben. Warum werden diese Kompetenzen nicht abgefragt, was befähigt diese Mitarbeiter, politische Bildungskonzepte wirklich bewerten zu können.

Diese Diskrepanz kann auf Dauer nicht gut gehen. Auch wenn die politische Bildung im internationalen Vergleich immer noch gut ausgestattet ist, so sieht die Ressourcenfrage vor Ort so aus, dass die Existenzangst kein Wort ist über das nicht auch immer im Hinterkopf nachgedacht wird. Ich hoffe, keiner stellt in diesem Zusammenhang die Frage, wie viele politische Bildungsstätten seit der deutschen Wiedervereinigung vor gut 25 Jahren geschlossen wurden.

Ein Paradebeispiel – die Bundeszentrale für politische Bildung

Die bpb ist eine einmalige und (ganz im Ernst) gute Institution, die durch ihr breites Angebot einen deutlichen Mehrwert für die Demokratie in Deutschland darstellt. Die bpb fördert auch freie Träger der politischen Bildung. Seit wenigen Jahren hat die Bundeszentrale neue Förderrichtlinien, die z. B. eine viel freiere Programmkonzeption für das eigene Bildungsprojekt erlauben. Man muss etwa nicht mehr im 1,5 Stundentakt im Programmkonzept denken. Es ist möglich, die Programmeinheiten so zu gestalten, wie sie in der non-formalen Bildung auch ablaufen – als zeitunabhängiger Prozess und nicht nach dem Uhrzeiger. Dieser Mehrwert wird dadurch konterkariert, dass wichtige Teile der Seminarverwaltung diametral entgegengesetzt zum politischen Bildungsalltag umgesetzt werden. Wer weiß viele Monate vor einer multinationalen Jugendbegegnung, welche Personen im Projekt die Leitung übernehmen werden, wer kann die Annahme des Projekte durch potentielle Teilnehmer/innen so prognostizieren, dass verlässliche Zahlen präsentiert werden können, wer kann zusagen, dass genau die gewünschten externen Referenten auch zusagen, wer kann die Reisekosten punktgenau in die Kostenkalkulation einbringen, warum sind offene Programmblöcke nicht möglich, um auf neue Entwicklungen reagieren zu können? Diese und viele weitere Aspekte zerstören viel von der neu gewonnen Freiheit. Die neuen Richtlinien sind mit Flügeln von der Brücke gesprungen, um einen guten Flug zu beginnen, leider wird in der Umsetzung immer mehr Beton an die Beine gekettet, die einen gewinnbringenden Flug unmöglich machen.

Das Totschlagargument – der Bundesrechnungshof

Das die Bürokratie dabei immer die drohende Prüfung durch den Bundesrechnungshof hervorholt, ist schon ein Fehler im System. Bildungsprojekte sind agile, bewegliche, sich ständig verändernde, in der Entwicklung befindliche Prozesse, die sich nicht wie eine Brücke, Straße oder ein neues Gebäude planen lassen. Es ist keine Frage und absolut legitim, dass sich Fördergeber rückversichern möchten, dass das eingesetzte Geld auch seinem Bestimmungszweck zugeführt wird und dabei auch gute Ergebnisse erzielt. Es kann aber nicht sein, dass ein starre Verwaltungsstruktur die lebendige politische Bildung unter sich erstickt, nur um selbst definierten Regeln zu genügen, die nicht zum Regelungsgegenstand passen.

Offen auf den Tisch gelegt, muss jeder zu dem Ergebnis kommen, dass hier etwas falsch läuft. Jeder beruft sich aber auf das System aus dessen Perspektive er auf den Sachgegenstand blickt. Das ist dann die berühmte Einbahnstraße. Anstatt gemeinsam eine viel bessere Lösung für alle Seiten und vor allen für diejenigen zu finden, für die die ganze Anstrengung unternommen wird – die Menschen in den Bildungsveranstaltungen und eine partizipative Demokratie – wird ein schlechtes System weitergeführt. Jedes gute Bildungsprojekt wird immer kritisch hinterfragt, reflektiert und adaptiert, das scheint hier nicht der Fall zu sein.

Artikelbild CC0 1.0 via pixabay

Published inEuropean Education

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