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Ex-Bundespräsident Wulff hat es immer noch nicht verstanden

Sicherlich ist Christian Wulff durch ein Tal der Tränen gegangen. Vom einstigen Shooting-Star der Union zum gefallen Star der deutschen Politik. Ein Ministerpräsident, dem Kanzlerambitionen nachgesagt wurden, landete auf dem „Abstellgleis“ der bundesdeutschen Politik. Mit der Übernahme des Amtes waren jegliche weitere politische Karrierechancen weggefegt. Es geht zwar nicht mehr als Bundespräsident, aber es eben eine repräsentative Aufgabe, fernab der Niederungen des politischen Alltagsgeschäftes. Die Macht ist das Wort, damit kann man gestalten, aber eben anders als es ein Kanzler oder Minister kann. Letzteres war es, was Wulff eigentlich wollte. Präsident wurde er als er erkannte, dass es damit nichts mehr werden wird.

Dann stolperte Wulff über eine Reihe von Dingen, die im Teil auch zu einer Anklage durch die Staatsanwaltschaft führten. Von diesen Anschuldigungen wurde Wulff freigesprochen. Dennoch bleiben viele Geschmäcker. Es braucht keine strafrechtliche Verurteilung, um sich als Politiker und erst recht als Bundespräsident zu disqualifizieren. Deshalb war der (ungewollte) Rücktritt richtig und wichtig. Wulff hat dem Amt geschadet und damit der Politik insgesamt nicht gedient. Wulff hat das nicht verstanden, zu lange wehte ihm der Wind der macht mit allen Vorzügen, Annehmlichkeiten und Netzwerken um die Nase. Er hat die Bodenhaftung verloren, das war sein Fehler. Nicht der eine konkrete Vorfall, sondern das Gemisch der ganzen Geschichte machte Wulff unhaltbar.

Nun meldet sich Wulff wieder zu Wort und gibt wieder den Missverstandenen. Die Medien sind schuld und in der Konsequenz müssten sie stärker an die Kandare genommen werden. Er hat es immer noch nicht begriffen. Wulff hat sich auf dem Höhepunkt seiner Karriere verzockt und ein Amt angenommen, das moralisch zu groß für ihn und sein Politikverständnis war.

Das sich die Medien nicht alles erlauben dürfen, ist klar. Dennoch sind sie die vierte Gewalt der Republik, die auch die Kleinigkeiten prominent an die Oberfläche spülen müssen, damit sich keine abgehobene Politikerkaste bildet. Gefälligkeiten und das Motto des „die eine Hand wäscht die andere“, geschwiege denn Korruption, dürfen nicht als Kavaliersdelikt durchgehen. Das ist in diesen Sphären sicher oft schwer, weil das System so funktioniert wie es funktioniert, fernab der Strafbarkeit. Wulff hat nicht verstanden, dass dieses System der Politikimplementation falsch ist. Nur weil es nicht strafbar ist, ist es nicht richtig. Das er es auch mit Abstand immer noch nicht verstanden hat, wiegt umso schlimmer.

Natürlich sind auch Politiker/innen nicht unfehlbar, auch sie sind nur Menschen. Aber sie sind Vorbilder, die einem höheren moralischen Anspruch genügen müssen. Was wäre gewesen, wenn Wulff bei der ersten Andeutung alles auf den Tisch gepackt, Fehler zugestanden und sich glaubwürdig entschuldigt hätte? Nicht auszuschließen, dass er immer noch im Amt wäre.

Wulff versucht nun seine Person auch noch dadurch zu überhöhen, indem er annimmt, dass seine Politik als Bundespräsident so kontrovers und wagemutig gewesen sei, dass es eine Opposition aus Medien veranlasst hätte, ihn zu stürzen. Nur weil sich Wulff zum Islam äußerte oder Kritik an der katholischen Kirche oder den Banken übte, wird niemand den Untergang des westlichen Abendlandes vermutet haben, schon gar nicht mit einer solchen Vehemenz, dass man Wulff nun als Bundespräsident stürzen müsse. Das sind Verschwörungstheorien der besonders peinlichen Art. Wulff überschätzt die Wichtigkeit seiner Person im vergangenen Amt und sucht weiter nach Sündenböcken für seine Fehler.

Artikelbild von Bernd Schwabe CC BY-SA 3.0

Published inDemocracy & Human RightsGerman Politics

Ein Kommentar

  1. Bernd.L.Mueller Bernd.L.Mueller

    Zum ehemaligen BP Wulff kann man unterschiedlicher Auffassung sein was ” Verfehlungen ” oder besser Fehler im Amt und Privat betrifft, wobei Privat Öffentlichkeit Null angeht, aber beim BP ist das anders, und Wulff mußte das als MP Niedersachsens auch wissen.

    Selbst Schuld auch seine Nähe zur Springer – Boulevard – Presse und vom Superman zum Bettvorleger demontiert.

    Aber vielleicht können wir eine kleine Gemeinsamkeit finden :

    Spiegel ist mit seiner Überschrift einen Schritt zu weit gegangen, es ging nicht mehr um angestrebte Entfernung vom Amt des BP aus sachlichen politischen Gründen sondern um Vernichtung seiner Persönlichkeit.

    Typisch Spiegel und in Konsequenz kongruent wie BILD, gleichwohl erst genannte Blatt sich intellektuell weit über das Blatt mit den großen Buchstaben fühlt und geriert.

    Für uns Bürger bleibt nach dem Freispruch und den lächerlichen Petitessen ein anwiderndes Schauspiel von Schmierenjournalismus. Großteil der deutschen Öffentlichkeit ist ihm auf den Leim gegangen.

    FAZ mit Volker Zastrow und ehemals Nonnenmacher ist/war auch nicht besser, sehr bedauernswert.

    Lobend unsere europ. Nachbarblätter / Journalisten, die sich verwundert fragten warum man in Deutschland u.a. wegen kostenloser Übernachtung bei Freunden – Bettina Schausten nimmt dafür oder zahlt 150 € / p.Nacht – aus dem Amt gejagt wird.

    Da hatte es der Berlusconi und franz. Präsident komfortabler. Meine Güte !

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