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„Da kommen Sie mit der Wahrheit nicht weiter“ – Vorbild Spitzenpolitiker?

Die FDP hat sich nach der letzten Bundestagswahl abgemeldet. Das Spitzenpersonal ist völlig von der Bildfläche verschwunden, nur FDP-Chef und letzter Hoffnungsträger, Christian Lindner, schafft es noch in die eine oder andere Politiktalkshow. Nun meldet sich der ehemalige FDP-Spitzenkandidat Brüderle zu Wort, um doch noch seine Sicht der Dinge auf die im Bundestagswahlkampf ausgefochtene Sexismusaffäre rund um eine Stern-Reporterin darzulegen. Seien Ausführungen dazu findet man im Handelsblatt. Eine Beurteilung mag jeder selbst vornehmen und steht hier nicht im Fokus.

Viel entscheidende ist ein Satz, der in diesem Interview gefallen ist. Brüderle gibt zu Besten:

Ich bin heute noch überzeugt, dass ich die politische Debatte anders nicht überstanden hätte. Da kommen Sie mit der Wahrheit nicht weiter, wenn Frauenrechtlerinnen wie Alice Schwarzer im Kampfmodus sind.

 Nun mögen all die Realpolitiker mit dem Kopf nicken und Brüderle beipflichten. Ja, in der Politik darf man es mit der Wahrheit nicht so genau nehmen, die fliegt einem früher oder später doch eh’ um die Ohren, so das Credo. Da muss man sich nicht mehr über Politikerverdrossenheit wundern, wenn schon Spitzenpolitiker mit einem derartigen Negativ-Beispiel vorangehen. Und hat es etwas genützt? Nein, die FDP ist raus aus dem Bundestag, sicher auch wegen anderer Verfehlungen. Aber das Schweigen zu den Vorwürfen hat nicht genützt, vielleicht sogar mehr geschadet.

Selbst wenn man nicht aus Überzeugung bereit ist den Weg zu gehen, der die Wahrheit einbezieht, auch wenn es der steinigere Weg ist, so hätte doch das Motto „Angriff ist die beste Verteidigung“ zu einem anderen Verhalten animieren müssen. So war es fehlender Schneid (was hatte Westerwelle gleich dazu gesagt?) und vielleicht auch die Angst vor der drohenden politischen Bedeutungslosigkeit.

Die beste Option und die moralisch gebotene wäre gewesen, als Spitzenpolitiker und damit als Vorbild offen zu den Vorwürfen Stellung zu beziehen und den Konflikt sachlich aufzuklären. Brüderle hat sich nach eigenen Worten nichts vorzuwerfen, dann spricht auch nichts gegen den offenen Diskurs, selbst wenn Bundestagswahlkampf ist. Auch wenn das dann schief geht, steht man hinterher viel souveräner da, weil man mit der Wahrheit nicht gespielt hat, sondern den unbequemen Weg der Auseinandersetzung gegangen ist. Das wäre der entscheidende Dienst als Vorbild für viele Menschen in unserer Gesellschaft gewesen, die alle eher versuchen sich durchzuwurschteln anstatt einen Konflikt mit Würde durchzustehen, auch wenn die Karten vielleicht nicht die besten sind. Dieses Opfer müssen Vorbilder bringen.

Artikelbild von Liberale CC BY-NC-ND 2.0

Published inDemocracy & Human RightsGerman Politics

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