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Schäubles Hitler-Vergleich und der deutsche Reflex

Die Aufregung war groß, die sich anschließende Empörung noch größer. Bundesfinanzminister Schäuble hat die Annexion durch Putins Russland mit dem Anschluss des Sudentenlandes durch Hitler verglichen. Da muss man schon vorsichtig sein, denn das Bundesfinanzministerium ließ verlautbaren

Sollte der Eindruck entstanden sein, der Minister hätte den russischen Präsidenten mit Hitler verglichen, so wäre dies falsch.

Es war wieder der typische deutsche Reflex. Es ist in Deutschland ein „No Go“, irgendeinen Sachverhalt auch nur in die Nähe des Naziregimes zu rücken. Putin jüngste Krimpolitik hat natürlich Parallelen zu Hitlers Vorgehen 1938. Aber eben nur weil es Hitler war, darf der Vergleich nicht herhalten. Wie wäre es gewesen, wenn es Bismarck oder irgendein deutscher Kaiser gewesen wäre? Vergleiche mit Nazi-Deutschland sind tabu, weil das Schreckensregime einmalig im negativen Sinne gewesen ist. Auch ein einzelner Vergleich, wie der von Schäuble, auch wenn der in keinem Zusammenhang mit dem Völkermord Hitlers steht, ist anscheinend nicht erlaubt.

Betrachtet man die Ereignisse für sich, dann muss man sich sehr verbiegen, um keine Parallelitäten zwischen der aktuellen Krimkrise und den Geschehnissen im Sudentenland zu erkennen. Und wer sagt uns denn heute, dass Putin nicht auch auf ein Großrussisches Reich hinaus will? Wer sagt uns denn, dass Putin nicht zu weiteren Annexionen bereit ist? Wer sagt uns denn, dass der Kreml nicht doch den Einsatz von Militär gegen Transnistrien oder das Baltikum in Betracht zieht? Wer sich auf dem europäischen Frieden nach 1945 ausruht, der ist völlig irrgeleitet. Nur weil uns in den letzten knapp 70 Jahren ein Waffengang in Europa (klammern wir den Balkan einmal aus) erspart geblieben ist, heißt das nicht, dass dies für die nächsten 70 geschweige denn 10, 15, 20 Jahre gleichermaßen garantiert ist. Die Appeasement-Politik gegenüber Hitler ist erkennbar fehlgeschlagen. Wer sagt den das Appeasement gegen Putin helfen wird und das Putin Hunger schon gesättigt ist?

Alle diejenigen, die bei solchen Vergleichen immer sofort aufschreien, glauben, wir wären in einer Zeit angekommen, die zivilisatorisch weiter vorangeschritten ist. Daher will man sich nicht mit der Vergangenheit vergleichen lassen, die ja ungemein schwärzer gewesen ist (Damit wird im Übrigen auch in keiner Weise der Holocaust und andere Menschenrechtsverbrechen Hitlers relativiert). Dass die internationale Politik nicht so tickt, hat Putin eindrucksvoll bewiesen. Und Putins Sehnsucht nach der alten Sowjetunion oder einem neuen gleichermaßen großen und mächtigen Russland als Nachfolger ist offenkundig. Die Frage ist, was er bereit ist dafür zu tun. Nach dem Kaukasuskrieg 2008 hoffte man auf Ruhe, die man bekam, bis 2014.

Zurück zu Schäuble. Wenn der Bundesfinanzminister sinngemäß erläutert, dass Hitler unter Vorspielung gleicher Beweggründe auf das Sudetenland zugriff, wie Putin es auf die Krim tat, dann ist der Vergleich nicht nur erlaubt, sondern geboten, weil deutlich wird, wir brenzlig die Lange in Europa wieder ist.

Sicher lassen sich auch andere Vergleiche finden, die Putins Völkerrechtsbruch ins eindeutige Licht rücken. Das schließt den Hitlervergleich zu 1938 aber nicht aus. Die Deutschen sind mittlerweile gut aufgeklärt und es herrscht keineswegs eine Geschichtsvergessenheit in diesem Land, auch wenn man sich das Tag für Tag immer wieder erarbeiten muss in Zukunft, damit es nicht dazu kommt. Den Vergleich zu Hitlers Strategie deshalb zum Tabu zu erklären, ist nicht zielführend und hilft keinem.

Artikelbild von David Holt CC BY-SA 2.0

Published inGerman PoliticsInternational Politics

Ein Kommentar

  1. Sogar Merkel hat sich von Schäuble distanziert. Denn der Vergleich mit dem Sudetenland – so naheliegend er auch erscheinen mag – legt nahe, dass Putin ein Wiedergänger Hitlers ist, der ganz Europa in den Krieg ziehen will. Das wirst selbst Du nicht behaupten wollen, oder? Wir Deutschen haben nach dem Mauerfall gute Erfahrungen damit gemacht, mit Russland zu reden und “Wandel durch Annäherung” zu suchen. Genau dies haben Merkel und Steinmeier auch angekündigt. Leider scheinen sie sich daran nun nicht mehr zu erinnern – und bauen eifrig an neuen Mauen in Europa mit. http://lostineu.eu/die-spaltung-europas/

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