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Gabriel vs. Slomka: Medienversagen und Kritikunfähigkeit

Kritischer Journalismus. Unbequeme Fragen, Investigativ. Das alles soll Journalismus bieten. Die deutsche Fernseh- und Presselandschaft würde sich an der Demokratie versündigen, wenn sie dies nicht tun würden.  Mit dem Interview von Marietta Slomka mit Sigmar Gabriel im ZDF-„heute journal“ hat das allerdings herzlich wenig zu tun.

Die Aufregung war groß und nun melden sich nach und nach Journalistenkollegen und die ZDF-Oberen zu Wort, um Slomka zur Seite zu springen.

So gibt ZDF-Chefredakteur Frey zu Protokoll

Wenn mal die Fetzen fliegen, schadet das der Demokratie nicht.

ZDF-Intendant Bellut sagt

In einem Live-Interview kann es auch mal zur Sache gehen.

Slomkas Kollege Plasberg führt aus

Ich verstehe die Kritik nicht. Sie hat nur ausgezeichnet ihren Job gemacht.

Und auch Sigmar Gabriel selbst sagt, das Slomka das Recht hat zu fragen, was sie möchte und das sie dies kritisch und bohrend tun kann.

Der entscheidende Punkt ist, dass die Journalistenkollegen und ZDF-Oberen einen ganzen anderen Umstand verschleiern wollen, der eigentlich im Vordergrund stand. Slomka griff die Einzelmeinung eines Rechtsprofessors auf, der die Möglichkeit eröffnete, die SPD und ihr Mitgliedervotum zu diskreditieren – und schwupp hätte das ZDF eine gute Nachricht gehabt. Hätte ein ernsthafte Diskussion dahintergestanden und es hätte berechtigte Zweifel geben, dass ein Mitgliedervotum einer Partei in der Frage der Zustimmung oder Ablehnung zu einem  Koalitionsvertrag verfassungswidrig ist, wäre alles okay gewesen. Diese Diskussion war und ist in keiner Weise virulent. Es ging nicht um die inhaltliche Auseinandersetzung mit einer ernsten Frage (deshalb hatte Gabriel mit seinem „Blödsinn“ recht), sondern um die Konstruktion einer Nachricht.

Politiker dürfen sich nicht echauffieren, wenn die Medien deren öfters zelebrierte Schwammigkeit und deren Widersprüchlichkeiten entlarven oder andere Missstände aufdecken. Dafür haben wir die freie Presse. Konstruierte Fragestellungen, die jeder Grundlage entbehren, zu nutzen, um einen Konflikt heraufzubeschwören, ist nicht deren Aufgabe.

Daher sollten die Protagonisten jetzt auch nicht so tun, als wenn Slomka angegriffen wird, weil sie beharrlich nachfragte und damit tatsächlich ihren Job getan hat. Der Grundfehler lag schon vorher in der nicht fundierten Fragekonstruktion und dem künstlichen Herbeiführen eines verfassungsrechtlichen Konfliktes den es nicht gibt. Hätte ein Politiker derart gehandelt, würden ihm sofort Stammtischparolen und Populismus vorgeworfen worden. Es hätte den Vertreter/innen des ZDF gut gestanden, einzugestehen, dass eine solche Art des politischen Interviews ein Fehler gewesen ist. Die jetzt vorgetragene Nibelungentreue ist verständlich, aber nicht richtig. Es ist eben nicht immer die Politik, die Fehler macht, auch die Medien sind davor nicht gefeit.

Published inSocial Democracy

Ein Kommentar

  1. Thomas Gruber Thomas Gruber

    Kann vollumfänglich zustimmen.

    Das bedeutet aber letztlich dass weit über 90% aller Veröffentlichungen und Kommentare zu diesem Interview ganz oder wenigstens teilweise falsch liegen! Mich erschreckt dieser Umstand: hier erscheint mir der objektive Sachverhalt mehr als klar und trotzdem wird von der großen Mehrheit vor allem “Blödsinn” produziert.

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