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Leidenschaft in der politischen Bildung – eine Replik

Ich schätze meinen Kollege Anselm Sellen ja sehr, widerspreche ihm aber in mehreren Punkten in seinem jüngsten Beitrag „Leidenschaft in der politischen Bildung – Plädoyer und Ermutigung“ auf pb21.de

Der Artikel verlangt ausdrücklich nach Kommentierung und Diskussion – voilà:

Seminarleiter stimmen häufig das Klagelied auf ausbleibende Begeisterung und Leidenschaft unter Teilnehmenden an.

Das mag vor allen Dingen in der politischen Jugendbildung zutreffen. Ich weiß nicht, ob diese Beschreibung so für viele Projekte in der politischen Bildung mit Erwachsenen haltbar ist. Bei jungen Teilnehmenden müssen wir den Status der politischen Sozialisation dringend mit einbeziehen. Die Masse der 16-18jährigen ist sicher nicht politisch interessiert und hat ganz andere Vorlieben und Interessen. Der Glaube, durch temporäre politische Bildungsprojekte über eine große Quantität an Teilnehmer/innen durchgängig Euphorie oder Leidenschaft zu erzeugen, ist vermessen. Spannender ist hier vielmehr die Frage welche langfristigen Anreize hier geschaffen werden, die erst in einem späteren Lebensabschnitt ihre wirkliche Entfaltung erfahren. Es ist nicht ungewöhnlich, dass gemachten Erfahrungen und Ergebnisse aus der politischen Bildung nach drei, vier oder fünf Jahren den Effekt (mit oder ohne Euphorie/Leidenschaft) erzeugen, der ursprünglich beabsichtigt war. Daher ist die Wirksamkeit von politischer Bildung gerade bei jungen Menschen so ungemein schwer, da sie nicht zwingend zeitnah eintritt. Alleine dieser Umstand ist schon für die Betrachtung der Ausgangslage enorm wichtig.

Verwaltet politische Bildung zu häufig den Status Quo, anstatt sich neu auszurichten, um Lehr- und Lernprozesse neu zu denken?

Nein. Sicher gibt es auch heute noch Vertreter/innen in der politischen Bildung, die mit Overheadfolien vortragsbasierte politische Bildung anbieten. Ganz im Gegenteil zum Kollegen Sellen würde ich die politische Bildung in der historischen Betrachtung eher loben denn anklagen. Wo hat sich denn methodische Innovation manifestiert, wo wurden neue partizipative und interaktive Methoden entwickelt und eingeführt? In der formalen Bildung? Nein, die außerschulische politische Bildung war der Vorreiter und viele Methoden finden sich heute selbstverständlich im formalen Schulsystem wieder. Gut gemacht, politische Bildung! Mein Eindruck ist, dass dies auch für die Nutzung von Social Media und digitalem Lernen gilt, wobei die Adaption durch die Schule allerdings schneller stattfindet, aber auch noch nicht die Breite des Systems einbezieht.

Der Absatz zu Oskar Negt ist wohl eher für den akademischen Campus gemacht, denn für die wirkliche Leidenschaft in der politischen Bildung. Leidenschaft unter politischen Bildnern hat für mich weniger etwas mit der Zielsetzung „Menschen in eine Lebensweise zu begleiten, „die auf der freien Selbstbestimmung autonomiefähiger Bürger begründet ist“ zu tun, sondern vor allen Dingen mit den sozialen, aber auch mit den methodischen Fähigkeiten der politischen Bildnern selbst. Den Job mit Leidenschaft machen und Leidenschaft erzeugen kann nicht jeder. Das kann man auch an keiner Uni lernen. Wie viele Lehrer/innen studieren in das Schulsystem hinein, um dann festzustellen, dass sie fernab vom Fachlichen im Grunde kein Gespür für die Zielgruppe und den Umgang mit ihr haben. Dienst nach Vorschrift, pure Wissensvermittlung sind die Folge, mit Leidenschaft, Emotionen und Begeisterung im Lernen hat das dann nicht mehr viel zu tun. Die Deplatzierung von politischen Bildern im System lässt sich durch Methodik sicherlich abfedern, aber Leidenschaft wird dadurch nicht erzeugt. Dazu bedarf es auch einer gewissen kaum erlernbaren Begabung.

Vielleicht haben politische Bildner zu lange in formalen Kategorien gedacht und immer wieder Projekte „für“ Teilnehmende und zu selten „mit“ Teilnehmenden realisiert.

D’accord!

Wir haben Teilnehmenden das Gefühl gegeben, dass Partizipation mit der Teilnahme an Wahlen beginnt – und endet.

Darüber sind wir zum Glück schon lange hinaus. Ganze Programmgenerationen von non-formalen Bildungsprogrammen stellen die Partizipation in das Zentrum des Wirkens. Beispielhaft sei das EU-Jugendprogramm JUGEND in AKTION genannt, dass schon lange den Aspekt der Teilhabe und Mitwirkung groß schreibt. Und auch politische Bildungsprojekte werden in diesem Geist verwirklicht. Sicher galt dieser Vorwurf schon einmal, aber gerade die politische Bildung, die sich auch immer selbst kritisch überprüft, viel kritischer als manch anderer Berufszweig, hat dies in einem Lernprozess hinter sich gelassen.

Schließlich ist die Nutzung „des Internets“, in welcher Form auch immer, ein neuer wichtiger Baustein in der politischen Bildung. Alleine schon weil es Lebenswirklichkeit ist, ist das so. Die sozialen Medien und die digitalen (Lern)tools ermöglichen uns ganz andere Bildungs- und Partizipationsprozesse. Aber: Ein durchdigitalisiertes politisches Bildungsprojekt kann sehr scheiße sein, während ein non-formales analoges Projekt vor Leidenschaft sprühen kann. Ich sehe keine Kausalität zwischen Digital und Leidenschaft. Auch das muss in der Kombination didaktisch gut gemacht sein und menschlich gut transportiert werden. Pure Digitalität schützt nicht vor großer Langeweile.

Dann bis morgen im Büro!

Artikelbild Joris Sprengeler CC BY-NC 3.0

Published inEuropean EducationInternet & Social Media

2 Kommentare

  1. Sehr richtig, digitales Lernen in der politischen Bildung ist kein Selbstzweck. Die Möglichkeiten der sozialen Netzwerke ersetzten eine gute inhaltliche und didaktische Konzeption nicht sondern ergänzen und bereichern sie. Auch “Leidenschaft” kommt nicht automatisch mit digitalen Tools – diese können aber auch hierfür durchaus hilfreich sein.

    Bzgl. der Vorreiterrolle der politischen Bildung beim Einsatz digitaler Bildungsformate habe ich andere Erfahrungen gemacht. Ich sehe eine gewisse grundlegende Skepsis insbesondere gegenüber sozialen Netzen. Das hier Nachholbedarf besteht, liegt sicher auch an der Fördermittelgebern, deren starre Vorgaben (Präsenszeiten, Anzahl der Lehreinheiten etc.) nur sehr schwer mit den Herausforderungen der digitalen Lebenswelten in Einklang zu bringen sind.

  2. nelsonsbox nelsonsbox

    “Leidenschaft unter politischen Bildnern hat für mich weniger etwas mit der Zielsetzung „Menschen in eine Lebensweise zu begleiten, „die auf der freien Selbstbestimmung autonomiefähiger Bürger begründet ist“ zu tun, sondern vor allen Dingen mit den sozialen, aber auch mit den methodischen Fähigkeiten der politischen Bildnern selbst.”

    Hi Karsten.
    ich kann deine Aussage aus meinen bisherigen Erfahrungen in der politischen Bildung leider bestätigen.

    Ich muss aus meiner zugegebenermaßen sehr idealistischen Auffassung allerdings erwidern, dass es m.E. leider viel zu wenige politische Bildner gibt, für die erstere Zielsetzung der Sinn ihrer Arbeit darstellt. In der kurzen Zeit, in der ich in der politischen Bildung arbeite, habe ich einige Bildner getroffen, die in erster Linie ihre eigenen methodischen und (vermeintlich) sozialen Fähigkeiten feiern, das Ziel politischer Bildung aber nicht vom Subjekt der Teilnehmenden her denken. Das kann dazu führen, dass politische Bildung zu einem methodischen und didaktischen Versuchslabor verkommen kann, in dem wenig Raum für Gruppendynamik und die eigentliche, inhaltliche Arbeit bleibt.

    Auch wenn ich kein Anhänger Oskar Negts bin, denke ich, dass die politische Bildung sich die Zeit nehmen sollte, etwas öfter auf dem akademischen Campus vorbeizuschauen. Politische Bildung sollte wissenschaftlich und politisch fundiert sein – es geht nicht ausschließlich um Begeisterung und Motivationsfähigkeit, diese Eigenschaften würden auch für die einfache Arbeit als Animateur auf der AIDA reichen. Die mangelnde politische Sprachfähigkeit und Position einiger politischer Bildner lässt sich nur durch Begeisterung kaum kompensieren.

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