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Sprecht Augstein und die Medien heilig… bevor der Papst es merkt.

Es ist schon sehr einfach: Wenn jemand die Medien kritisiert steht er (respektive sie) oft schnell in der Schmuddelecke. Das ist dann ein Angriff auf die Pressefreiheit, wenn nicht gleich ein Tritt gegen das Schienbein der Demokratie. Dennoch sind die Medien auch nicht heilig. Da gibt es in Deutschland die klassischen Nuancen. Man muss sich also bei einer sozialdemokratisch-kritischen Berichterstattung DER WELT nicht wundern, ebenso wenig wie bei einer pro-linken Schreibe der TAZ.

Was sich viele Medien – Zeitungen, Magazine, Fernsehformate etc. – allerdings in den letzten Tagen leisten ist schon dreist, wenn nicht arrogant und überheblich. Das ganze kumuliert in der heutigen Kolumne von Jakob Augstein auf SPON. Augstein nimmt sich Kurt Beck und Peer Steinbrück vor und zieht dabei den “Halt’s Maul”-Vorfall und die Honorare als Beleg für seine These, dass die Politiker verdrossen sind.

Augstein und Beck – völlig missinterpretiert
Wer sich das Video mit Beck anscheut, der versteht nicht warum viele Medien von “Ausraster”, “Pöbelei”, “Wutanfall”, “Entgleisung” und dergleichen sprechen. Im Umdrehen lächelt beck und reagiert vorab auf Zwischenrufe in ein interview hinein. Das dies kritische Worte zum Nürburgring waren erscheint zweitrangig. Es ging um die Störung des Interviews. Augstein macht daraus “Kurt Beck wollte sich die Wahrheit nicht gefallen lassen”. So einfach ist das also. Ein Berufspolitiker par excellence (den hatte Augstein mit Hinweis auf Max Weber und eines seiner Standardwerke gefordert) nimmt das Wort “Maul” bei einer Interviewstörung in den Mund und wir derart abqualifiziert. Unglaubwürdig. Stimmlage und Intonation von Beck waren in keiner Weise aggressiv, sondern zeugten eher von väterlichem Unverständnis gegenüber kindischem Verhalten. Schaut Euch das Video an und lest nicht nur die Beschreibung des Vorfalls. Da wird die berühmt berüchtigte Mücke zum Elefanten gemacht. Sehr professionell und objektiv, Herr Augstein.

Steinbrücks Honorare – auf einmal interessant…
Im Fall der Honorare Peer Steinbrücks will ich gar nicht dagegen sprechen, dass Nebenverdienste auch NEBENverdienste bleiben sollten. Ein Bundestagsmandat ist ein Vollzeitjob in, das glaube ich auch. Die Offenlegung ist dann schon ein kritischerer Punkt. Hier kann man sehr gut darüber streiten, inwiefern wir unsere Volksvertreter transparent haben möchten oder auch nicht. Ich würde auch immer stark für eine weitesgehende Transparenz plädieren. Das hätte man dann aber auch seit Jahren fordern können. Die derzeitige Legislaturperiode geht in nicht einmal zwölf Monaten zu Ende und jetzt wird die Sau durch’s Dorf getrieben – ja, weil er jetzt Kanzlerkandidat ist. Damit lässt sich für die Medien etwas daraus machen. Ein Sozi, nahe bei den Bankmanagern – ein Skandal. Es wäre zum Lachen, wenn es nicht so lächerlich wäre.
Redlich wäre gewesen auf den Umstand der schlechten Kategorisierungen vorher hinzuweisen, die CDU/CSU und die FDP in die Kritik mit einzubeziehen. Alles nicht geschehen. Jetzt ist die Medienwirkung mit einem SPD-Kanzlerkandidaten viel effektiver, die Angriffsfläche ist konzentriert und man muss nicht über den Inhalt schreiben (der ehrenwert ist), sondern kann als Moralapostel auf die Bühne schweben und so schreiben wie Augstein das getan hat.

Schlimm ist, dass diese Verzerrung der Berichterstattung maßgeblich dazu beiträgt, dass Bürger/innen und Politiker/innen auseinander getrieben werden. Das entlässt keinen Volksvertreter aus seiner Verantwortung vorbildlich und moralisch zu agieren, das bedeutet auch nicht, dass die Medien ihre Aufgabe als vierte Macht im Staate unterlassen sollen. Es bedeute aber in jedem Fall, dass man sich so zu verhalten (und zu schreiben hat) wie man es von dem Gegenüber auf seiner Handlungsebene einfordert.

Da dies nicht so schnell passieren wird, sprecht Augstein und die Medien heilig, bevor der Papst höchstpersönlich auf diesen Umstand aufmerksam wird und es selbst tut.

Published inGerman PoliticsSocial Democracy

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